Fünf Jahre Leben mit der Reform
Hartz IV ist das neue Wort für Armut in Deutschland. Hartz IV macht Angst. Die Menschen fürchten sich vor dem Abrutschen in diese Grundsicherung. “Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben”, sagen die, die es getroffen hat.
Seit das Gesetz 2005 in Kraft getreten ist, begleitet die ZDF.reportage Arbeitslose und Fallmanager, wie die Betreuer vom Arbeitsamt heute heißen, durch ihren Alltag mit Hartz IV. Zufrieden ist keiner. Die einen klagen über entwürdigende Zustände in den Jobcentern, die anderen über viel zu viele Kunden, wie das Gesetz Arbeitslose nennt. Die Stimmung ist aufgeheizt. Menschen am Existenzminimum treffen auf Mitarbeiter am Belastungsmaximum.
Hartmut Schlüter zum Beispiel hat in fünf Jahren fünf Fallmanager verschlissen – und kaum einen Tag gearbeitet. Entnervt reicht ihn irgendwann jeder an einen Kollegen weiter. Im “Zentrum für Arbeit” im ostfriesischen Leer gehört er zur untersten Kunden-Kategorie. Das sind die, die nicht wollen. Ihr Stempel: IR “Integrationsresistent”. Den Ein-Euro-Job im Schlosspark, den Hartmut Schlüter eigentlich machen soll, boykottiert er – seit sieben Monaten. Er lässt sich immer wieder krank schreiben, so einfach ist das.
Andere arbeiten wieder – und brauchen trotzdem noch Hartz IV. Oft reicht der Lohn selbst für einen Vollzeitjob nicht mehr zum Leben. Die Zahl der so genannten Aufstocker steigt. Auch Josef Siegel aus Höchst im Odenwald muss jetzt aufgeben. Im Januar beantragt er Hartz IV. “Ich habe geweint, als mir klar wurde, dass es nicht mehr anders geht”, bekennt der 59-Jährige. “Ich wollte auf keinen Fall abhängig werden vom Staat.”
In guten Jahren verdiente der frühere Vertriebsleiter 100.000 D-Mark und mehr. Vor zehn Jahren dann brach die Branche ein und er mit ihr. “Seitdem fummele ich mich so durch”, sagt er. Taxi fahren, Zeitungen austragen, kleine Buchhaltungsaufträge hier und da. Jetzt geht es nicht mehr. Hartz IV empfindet Josef Siegel nicht als Rettung in der Not. Hartz IV steht für Scheitern.
18 Prozent weniger Langzeitarbeitslose nach fünf Jahren Hartz IV – für die Bundesanstalt für Arbeit ist das eine Erfolgsstory. Wie sehen das diejenigen, die wir in dieser Zeit mit der Kamera begleitet haben? Die ZDF.reportage von Annette Hoth zieht eine Fünf-Jahres-Bilanz.
ein Film von Annette Hoth
Videolink zu “ZDF.reportage” vom Sonntag (21.2.10) im ZDF um 18:30 Uhr:
Dankschreiben der Autorin:
“Lieber Herr Sterr, lieber Herr Burkard, liebe(r) Frau oder Herr Sonntag, liebe Frau Puschmann, lieber Herr Jöst,
ich möchte Ihnen allen (und möglichen weiteren Beteiligten) ganz, ganz herzlich DANKESCHÖN dafür sagen, dass Sie meine Anfrage damals im Dezember ernst genommen und weiter geleitet haben. Ohne Ihre Mithilfe hätte ich niemals Herrn Siegel aus Höchst im Odenwald kennen gelernt, und ohne Herrn Siegel wäre meine aktuelle Hartz-IV-Reportage nicht im Ansatz so gut gelungen wie sie dies jetzt ist – in aller gebotenen Unbescheidenheit
Wenn Sie mögen, können Sie sich das Ergebnis Ihrer Mühe am kommenden Sonntag im ZDF anschauen: “Hart, härter, Hartz – 5 Jahre Leben mit der Reform”, um 18:30 Uhr.
Sie hätten es sich einfach machen und meine eMail löschen können. Besonders in der Vorweihnachtszeit hat man anderes zu tun. Sie hatten gar nichts davon, mir zu helfen – außer Arbeit. Deshalb möchte ich Ihnen wirklich von ganzem Herzen danken. Ohne Menschen wie Sie können wir Reporter nicht vordringen zu den wirklich tiefen Geschichten.
Ich hoffe, mein Film gefällt Ihnen!
Nochmals tausend Dank und ganz herzliche Grüße aus Mainz,
Annette Hoth”